Plittershagen. Der Asdorfer Weiher ist seit dem späten Mittelalter Energielieferant, Naherholungsgebiet für die Menschen im Grenzgebiet zwischen Nordrhein-Westfalen und Rheinland Pfalz und Lebensraum unzähliger, zum Teil seltener Pflanzen und Tiere. Jetzt, 557 Jahre nach seinem Bau, soll der Weiher aufgegeben werden, da eine Sanierung des maroden Dammes nicht lohnt. Angler und Naturfreunde sind fassungslos.
Die Szene gleicht einem Gemälde: Zwei Kanadagänse gleiten geräuschlos über die Wasserfläche, Stockenten suchen im Hintergrund ihre Brutreviere auf. Nieselregen hängt an diesem Samstagnachmittag in der Luft. “Demnächst sind hier wieder Eisvögel zu beobachten, die flach über das Wasser flitzen und ihre Beute suchen”, berichtet Marco Hekter, Vorsitzender des Angelsportverein “Gut Biss” Freudenberg-Niederndorf. Er und seine Vereinskameraden blicken in diesen Tagen mit Sorge über die knapp einen Hektar große Wasserfläche, die im Jahr 1469 von Graf Johann IV. zu Nassau angelegt worden war, um mit der Fischzucht seine Untertanen zu versorgen. Vier Jahre dauerten damals die Arbeiten, aufgeschüttet wurde ein 150 Meter langer Damm mit einer Kronenbreite von 5,50 Metern. Neben der Fischzucht diente der Weiher vor allem als Energie-Lieferant für die Unternehmen im Asdorftal; seit den 1880-Jahren führte die Bahnlinie zwischen Niederfischbach und Freudenberg direkt über die Dammkrone. Heute ist der Weiher Anglerdomizil, Naherholungsgebiet und wertvoller Lebensraum. Umso weniger können die Vereinsmitglieder die Pläne der Verwaltung nachvollziehen, den Weiher “als Stillgewässer aufzugeben” und eine “naturnahe Gewässerentwicklung zu fördern”.
Kosten zwischen 10.000 und 2 Millionen Euro
Vermutlich war es der Angelsportverein selbst, der mit der Prüfungsanfrage an die Verwaltung zur Dichtheit des Dammes den Stein ins Rollen brachte. Einem von der Stadt beauftragten Gutachter nach weist der Damm “bedeutende Mängel” auf, die die Betriebs- und Standsicherheit gefährden. Daher wurde der Wasserstand herabgesetzt und die Dammbalken entfernt, so dass zumindest aktuell ein “stabiler Zustand erreicht” werde. Von einem Wiederaufstauen wird im Gutachten abgeraten. Vielmehr solle der Damm und das Wehr zurückgebaut werden. Der Weiher würde mit den Jahren verlanden und sich den bereits vorhandenen Verlandungsgebieten anpassen. Der Plittershagener Bach und der Asdorfer Bach würden in ihrer natürlichen Entwicklung gestärkt. Zugleich wäre der Hochwasserschutz gewährleistet.
Zwei Varianten stehen im Raum, die vor allem eines sind: eine Frage des Geldes. Die Ertüchtigung des Dammes würde laut Gutachten weit mehr als 2 Millionen Euro kosten. Der Abriss und die Aufgabe einer der ältesten Talsperren Deutschlands zwischen 10.000 und 100.000 Euro, wobei hier rund 80 Prozent über Landesfördermittel gedeckt werden könnten.
Zu welcher Variante die Mitglieder des Bau- und Verkehrsausschusses in ihrer Sitzung am kommenden Donnerstag tendieren und welche Entscheidung der Stadtrat am 12. März final trifft, dürfte schon angesichts der leeren Freudenberger Kassen leicht zu erraten sein.
"Der Damm war noch nie dicht, aber das war bislang immer unproblematisch!"
Aber ein Naturschutzgebiet mit mehr als fünf Jahrhunderten Geschichte aus Kostengründen einfach so aufgeben? Da wollen die Angelsportler nicht mitmachen und krempeln die Ärmel hoch. “Mein Telefon steht seit Tagen gar nicht mehr still”, so Marco Hekter, der das Gutachten als “viel zu oberflächlich” ansieht und längst nicht alle Argumente für den Erhalt des Weihers berücksichtigt sieht. “Der Damm war noch nie dicht, aber das war bislang immer unproblematisch”, so der 50-Jährige, der den 30 Mitglieder großen Verein leitet. Sein Amtsvorgänger Harald Klose erinnert sich an Manöver der belgischen Garnison im Asdorftal und macht darauf aufmerksam, dass der Weiher bis heute als Löschwasserreservoir für die nahe gelegenen Unternehmen dient. Die Artenvielfalt sei im Wasser ebenso beachtlich wie in den Uferbereichen. Wenn man einfach alles so lassen würde, wie es ist, dann würde der Weiher vermutlich innerhalb der nächsten einhundert Jahre ebenfalls allmählich verlanden. “Aber das ist dann halt die Natur”, so Hekter.
Neben nachvollziehbaren Argumenten fehlen den Anglern vor allem das Gespür für den Umgang mit dem historischen Naturschutzgebiet und das Feingefühl für das landschaftliche Kleinod. Sie zeigen sich gesprächsbereit und hoffen, dass die Kommunalpolitik ihre Argumente aufnimmt und sich für den Erhalt des historischen Weihers einsetzt. Denn letztlich ist der Weiher auch ein Treffpunkt für die Menschen hier vor Ort, und das seit mehr als 500 Jahren. “Ein Handlungsreisender aus dem Westerwald kommt regelmäßig hier vorbei und setzt sich mit einem Feierabend-Bier auf die Bank, weil ihn die Landschaft so an Kanada erinnert”, berichtet Harald Klose. Nachvollziehbar – nicht nur wegen der brütenden Kanadagänse.
