Freudenberg. Jahr für Jahr nimmt sie in ihrer Freizeit eine lange Reise auf sich, um zu helfen und ihr Wissen zu teilen: Seit nunmehr 25 Jahren fliegt Dr. Birgit Schulz nach Vietnam, um dort ehrenamtlich zu operieren und Ärzte fortzubilden.
Die Chefärztin der Orthopädischen Klinik im Bethesda Krankenhaus empfängt zudem auch Gastärzte in Freudenberg. Während ihres jüngsten Aufenthaltes in Ho-Chi-Minh-Stadt (früher Saigon) lud sie ihre asiatischen Kollegen zu einer Weiterbildung mit dem Schwerpunkt Schulterendoprothetik ein.
Im Bereich der Schulterchirurgie zählt Dr. Birgit Schulz deutschlandweit zu den Besten ihres Fachs. Experten-Zertifikate bescheinigen ihr die hohe Qualität. Ihre Expertise teilt die Freudenberger Chefärztin gerne. So trat sie 2001 erstmals die Reise nach Ho-Chi-Minh-Stadt an. Zu dieser Zeit war sie noch als Oberärztin in Bonn-Beuel tätig. Den Kontakt nach Vietnam stellte sie über ihren damaligen Chef in Bonn, Dr. Norbert Moos, her, der im Rahmen eines UN-Blauhelm-Einsatzes Professor Vu Cong Lap kennenlernte. Dieser hatte in Dresden studiert und in Ho Chi Minh Stadt ein Institut gegründet. Dort operierte Moos ehrenamtlich in der Kniegelenksendoprothetik.
Schulz: „Mir hat die Vorstellung von einer ehrenamtlichen Tätigkeit sehr gefallen.“ Und so kam es, dass auch sie im gleichen Institut unentgeltlich operierte. Flug, Unterkunft und weitere Kosten trägt sie seitdem bis heute selbst. Die Ausstattung in dem Land sei vor 25 Jahren äußerst rudimentär gewesen. „Teilweise habe ich mir OP-Instrumente von Handwerkern bauen lassen“, schildert die Chefärztin. In den Jahren darauf nahm sie in Deutschland ausrangierte Instrumente mit nach Vietnam. „Einerseits ist es entsetzend zu sehen, wie einfach die Ausstattung dort ist. Andererseits ist es aber auch beeindruckend zu erleben, wie wenig es braucht, um gute Ergebnisse zu erzielen – einfach nur durch Ideenreichtum und geschicktes Operieren.“
2008 wechselte Dr. Birgit Schulz von Bonn ans Diakonie Klinikum Bethesda in Freudenberg. Ihre ehrenamtliche Tätigkeit in Vietnam verlagerte sich zu dieser Zeit von dem Institut an die Universitätsklinik in Ho-Chi-Minh-Stadt. Während sie dort zu Beginn viele Operationen durchgeführt hat, liegt ihr Schwerpunkt mittlerweile auf der Fortbildung der jungen Ärzte. „Wenn ich in Vietnam bin, veranstalten wir auch Operationskurse und Live-Operationen.“ Dr. Schulz betont, dass die Organisation für die Fort- und Weiterbildungen nicht alleine zu bewältigen ist: „Insbesondere bei den operativen Tätigkeiten und Workshops werde ich von ehemaligen Kollegen unterstützt.“ Hier nennt sie Brigitte Bebber und Inge Lange, frühere OP-Schwestern im Krankenhaus Bethesda, Erika Reiner, ehemalige leitende OP-Schwester in Bonn, und nicht zuletzt Dr. Erich Lange, ehemaliger Chefarzt im Bethesda. „Er hat sich im hohen Alter noch die Schulterchirurgie angeeignet, um mir in Vietnam helfen zu können. Das bewundere und schätze ich sehr.“
Schulterchirurgie in Vietnam kaum verbreitet
Laut Dr. Schulz ist die Schulterchirurgie in Vietnam kaum verbreitet, da sie einen hohen technischen Anspruch hat. „Der Fachbereich ist dort noch immer ein Exot, und gefühlt hat jeder zweite Schulteroperateur in Vietnam die OP-Methoden bei und von mir gelernt.“ Während ihres jüngsten Aufenthalts in Ho-Chi-Minh-Stadt lud die Chefärztin zu einem Kongress ein, bei dem die Schulter-Endoprothetik, also der Gelenkersatz, im Fokus stand. „Die Veranstaltung stieß auf großes Interesse, sodass wir im kommenden Jahr einen weiteren solchen Workshop mit praktischer Anwendung veranstalten möchten.“
Der Austausch mit ihren vietnamesischen Kollegen findet auch vor Ort in Freudenberg statt. Mittlerweile hospitierten an der Euelsbruchstraße 20 Assistenzärzte, um sich im Bereich von Schulteroperationen weiterzubilden. „Für sie ist es oft nicht einfach, solche Aufenthalte in Deutschland zu finanzieren. Das Durchschnittsgehalt von Assistenzärzten in Vietnam beträgt etwa 250 Euro im Monat“, so Schulz. Um hier zu unterstützen, ist ihr gelungen, bei der Deutschen Vereinigung für Schulter- und Ellenbogenchirurgie ein internationales Hospitationsstipendium einzuführen. „Dieses unterstützt junge Kollegen aus Entwicklungs- oder Schwellenländern mit 2500 Euro pro Person.“ Auch in diesem Jahr werden im „Bethesda“ zwei Gastärzte erwartet. „Ich blicke auf eindrucksvolle 25 Jahre zurück, in denen ich viele Erfahrungen gesammelt und neue Freunde gewonnen habe“, sagt Dr. Birgit Schulz, die sich schon jetzt auf ihre nächste Vietnamreise freut.
