Büschergrund. Es gibt Sportfotos, die brennen sich in das kollektive Gedächtnis ein. Maradonas "Hand Gottes" aus dem WM-Finale 1986 etwa oder Uwe Seeler nach dem verlorenen Wembley-Finale 1966. Die Szene, die sich am Sonntag auf dem Sportplatz in Setzen abspielte, dürfte zumindest in Deutschland noch lange in Erinnerung bleiben. Fotografiert hat sie Katja Dobbelstein-Schierz – aus purem Zufall.
Die Büschergrunderin ist seit zwei Jahrzehnten mit der Kamera auf den heimischen Fußballplätzen unterwegs. Die Fotos mit Spielszenen ihrer drei Kinder füllen längst eine ganze Festplatte. Tochter Lena spielt in der Bezirksliga-Mannschaft des SV Setzen. Und da deren Freund in der zweiten Mannschaft kickt und am Sonntag ebenfalls ein Heimspiel hatte, ging es schon frühzeitig mit Kamera in Richtung Obersetzen.
"Ich wollte einfach noch ein paar Spielszenen fotografieren", erinnert sich die 48-Jährige, die selbst als Späteinsteigerin einige Jahre für Fortuna Freudenberg auflief.
Das Spiel selbst verlief emotional aber fair. Erst in der Schlussphase wurde es hektisch, als die Gastgeber in der Nachspielzeit den Treffer zum 4:3 erzielten. "Dann ging einer auf den Schiedsrichter und ich habe einfach mal draufgehalten", erinnert sich Katja Dobbelstein-Schierz, die mit ihrer Canon 1100 D an der Seitenlinie stand.
Was sie fotografierte, sollte nur wenige Stunden später die heimische Fußball-Szene erschüttern: Ein Akteur des Siegener SC packte sich den Schiedsrichter und warf ihn in Wrestling-Manier zu Boden. Spieler und Zuschauer waren in diesem Moment ebenso perplex wie die Fotografin, die zunächst gar nicht dazu kam, die Bilder zu sichten. "Erst als sich die Aufregung etwas gelegt hatte, habe ich kurz auf den Monitor geschaut und wusste, dass zumindest alles halbwegs scharf war und nichts gelöscht werden muss."
Die Brisanz wurde ihr erst viel später klar: Wie üblich lud sie die Fotos zu Hause in die Foto-Cloud. Tochter Lena schickte den Link in die Gruppe des SV Setzen. Von da aus verbreitete sich das Foto wie ein Lauffeuer durch die komplette Sieger- und Sauerländer Fußballszene. Es zeigt exakt den Augenblick, in dem der Schiedsrichter praktisch waagerecht in der Luft liegt. Fotografisch der perfekte Moment einer Szene, die die Fußball-Welt in Aufruhr versetzt.
Noch am Abend meldeten sich die heimsichen Tageszeitungen und baten um die Erlaubnis, das Foto veröffentlichen zu dürfen. Am Montag bat das Redaktionsnetzwerk Deutschland um eine Genehmigung, am Dienstag rief die Sportredaktion des Kölner Express an - für deren Sportredakteur war es schon jetzt das "Sportfoto des Jahres".
Inzwischen war die Szene auch auf den Social-Media-Kanälen der Tagesschau oder von Focus Online zu sehen. "Es ist schon erstaunlich, welche Dynamik das bekommen hat", blickt Katja Dobbelstein-Schierz auf die vergangenen Tage zurück, an denen das Handy kaum stillstand. Letztlich ist es nicht nur ein Zeitdokument, sondern auch Beweismaterial. Denn der "Wrestling-Wurf von Setzen" wird demnächst das Sport- und vermutlich später auch ein Zivilgericht beschäftigen. Spätestens in den verschiedenen Jahresrückblicken dürfte die Szene nochmal in regionalen und überregionalen Medien zu sehen sein.