161014meistermannDie von Georg Meistermann geschaffenen Fenster in der katholischen St. Marien-Kirche sind weit über die Region hinaus bekannt.

Freudenberg. Mit einer Matinee zu den Meistermann-Fenstern in der St. Marien-Kirche lenkte jetzt der Arbeitskreis Stadt- und Baugeschichte des 4Fachwerk-Museumsvereins die Aufmerksamkeit auf dieses bedeutende Künstler- und Architekturprojekt in Freudenberg.  Hausherr Pfarrer Reinhard Lenz freute sich, dass diese Betrachtung so gut in die Feierlichkeiten zur Erinnerung an die Weihe der Kirche vor 50 Jahren passe. 4Fachwerk-Vorsitzender Dieter Siebel zeigte sich bei der Begrüßung angetan von dem großen Besucherinteresse an den Vorträgen.

Dass sich in Freudenberg so ein bedeutendes Werk des international renommierten Künstlers Prof. Georg Meistermann befindet, ist eigentlich einem Zufall geschuldet. 4Fachwerker Gottfried Theis ging in seiner „Spurensuche“ ausführlich auf die Begebenheit ein: Der Bruder des damaligen Freudenberger Pfarrers Theo Korte, der Psychoanalytiker Bernhard Korte, stand in freundschaftlicher Verbindung mit der Familie Meistermann, insbesondere mit der Berufskollegin Edeltrud Meistermann. Dort berichtete er von dem Kirchenbau in Freudenberg und stellte den ersten Kontakt her. Theo Korte legte in einem Brief die besondere Situation als Diasporagemeinde dar und sprach die Frage der Gestaltung an: „Bei unserem Kirchbau haben die Fenster wegen ihrer Größe und weil sie fast den gesamten Kirchenraum umfassen, eine entscheidende Bedeutung. Mit dem Gelingen der Fenster steht und fällt das Gelingen des Raumes überhaupt. Hier liegt unsere große Sorge.“
161014meistermann02Die Sorgen um die Finanzierung waren es auch, die die Verantwortlichen zunächst davon abgehalten hatten, an einen namhaften Künstler für die Fenstergestaltung überhaupt zu denken. Aber Meistermann versprach, für den Entwurf auf sein Honorar zu verzichten.  Theis zitiert aus einem späteren Brief: „Da ich selbst aus der Diaspora stamme, weiß ich, wie viel Sehnsucht nach einem schönen Gotteshaus besteht, das Geborgenheit vermittelt.“

Kunst trifft Zeitgeist

Blieb nur die Furcht, ob eine „moderne Gestaltung“ überhaupt in Paderborn „ankomme“. Auf den Zeitgeist ging der in Büschergrund wohnende Künstler und Kunstpädagoge Reinhard Schulz ein: „Die Modernität, Neuanfang und Weltoffenheit, dem Deutschland während des III. Reiches völlig verschlossen war, sollte nachgeholt werden. ’Beton’ und ‚Weg von der Basilika’ wurden zur Zauberformel. Die Wiederauferstehung der Rundkirche schien die Lösung zu sein und wurde zum Kennzeichen der Modernität.“ So entstand mit dem neuen Freudenberger Sakralbau auch die erste neuerbaute runde Kirche im Bistum Paderborn, entworfen von Architekt Aloys Sommer aus Siegen, für die am 17. Juni 1963 der erste Spatenstich erfolgte.

Eigentlich, so Reinhard Schulz, bildeten sakrale Architektur und ihre Bildwelten eine Einheit. In Freudenberg seien Gebäude und Bildsprache der Fenster unabhängig voneinander entstanden: „Die Meistermann-Fenster wurden zu einem gewissen Symbol der Einzigartigkeit dieser Kirche.“ Der Künstler habe seine Entwürfe zumeist im Maßstab 1:1 aus farbigem Karton hergestellt. Die Handwerker hätten dann Papierschablonen gefertigt und davon die einzelnen farblich passenden  Gläser geschnitten. Es war, wie später Gottfried Theis ergänzte, eine Fläche von 44 mal 4 Metern zu gestalten. Die Fenster entstanden in der Frankfurter Glasmalerei Hans Bernd Gossel. Das Opal- oder Opak- Überfangglas habe die Glashütte Lamberts in Waldsassen geliefert. Theis: „Die aufwändig hergestellten Gläser sind nicht einfach nur durchgefärbt, sondern durch die Überfangtechnik in ein oder mehreren Schichten sind mehrfarbige, schattierte oder wolkige Gläser zu fertigen. Solche Gläser lassen Licht durch, aber verwehren den Blick.“ Die fertig geschnittenen Gläser seien mit schwarzer Überzugsfarbe eingepinselt und anschließend gewischt worden, um die Struktur des mundgeblasenen Glases besser herauszubringen und zu betonen.“

Überwältigende graphische und farbliche Vitalität

„Die überwältigende graphische und farbliche Vitalität lässt sich als Versuch lesen, die Unergründlichkeit göttlichen Handelns sichtbar zu machen“, zeigt sich Reinhard Schulz überzeugt. Er erläuterte den Formen- und Farbenstrom der einzelnen Fenstersequenzen, die Meistermann „Gnadenstrom“ genannt habe. Sein Fazit: „Man hat an die tausend Werke von Georg Meistermann gezählt. Nicht wenige davon habe ich gesehen. Alle tragen seine unverkennbare Handschrift, ohne Wiederholungen zu sein. Dankbar sollten wir sein, eines dieser Werke hier zu haben als Freude und Erbauung für noch viele Generationen.“

161014meistermann03In seinem Vortrag ging Gottfried Theis auf die Person des Künstlers ein. Georg Meistermann (1911-1990) wuchs in Solingen auf und studierte zunächst an der Kunstakademie Düsseldorf. Die Nazis erwirkten 1933 den zwangsweisen Abbruch des Studiums und belegten Meistermann mit einem Ausstellungsverbot. Schon 1945 konnte er jedoch wieder eine erste Ausstellung in Wuppertal belegen. Der Künstlergruppe „Junger Westen“ schloss sich Meistermann 1948 an. Der spätere Präsident des Deutschen Künstlerbundes lehrte als Professor in Düsseldorf, Karlsruhe und München. Zahlreiche Kunst-Auszeichnungen, der NRW-Staatspreis 1989 oder das Großkreuz des Bundesverdienstordens kennzeichnen die große Wertschätzung für sein Werk und Wirken. Bemerkenswert auch die Ehrung 1984 mit dem Romano-Guardini-Preis, der ihn in eine Reihe mit Nobelpreisträger Werner Heisenberg, dem Sozialethiker Oswald von Nell-Breuning oder den Komponisten Carl Orff stellt.
Theis: „Er schenkte Freudenberg und der Kirchengemeinde ein kunstgeschichtlich ganz bedeutendes Werk zeitgenössischer Glaskunst, die dieses Gebäude zu einem Architektur- und Kunsterlebnis werden lässt.“

Dafür, dass die Matinee auch zu einem Kunstgenuss des Hörens wurde, sorgte Patrick Hofmacher an der Orgel mit Variationen über ökumenische Kirchenlieder. Als kleine Hommage an die 4Fachwerk-Veranstalter schlossen sich Improvisationen über F – A – C und H an. Auch ihm dankten die Zuhörer mit lang anhaltendem Beifall.

(Text: Bernd Brandemann, Fotos: Christian Janusch)


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